Versicherungswirtschaft in Deutschland

Allgemein versteht man unter einer Versicherung das Prinzip der Risikoübertragung eines Individuums auf ein Kollektiv. Jedoch sind nicht alle Risiken versicherbar: Gerade bei Katastrophen übersteigen die Schäden oft die Leistungsfähigkeit der gesamten Versicherungsbranche. Inhalt:
  1. Kriterien
  2. Kategorien
  3. Politik
  4. Markt
  5. Vertrieb
  6. Kritik

Kriterien

Damit ein Risiko als versicherbar gilt, wurden von Nguyen/Romeike neun Kriterien aufgestellt:
  1. Risiko/Ungewissheit
  2. Unabhängige Schadenereignisse
  3. Beherrschbarer Gesamtschaden
  4. Mittlere Schadenhöhe und Schadenhäufigkeit
  5. Geringe Manipulierbarkeit
  6. Bezahlbare Versicherungsprämie
  7. Deckungsgrenzen und Zeichnungskapazität
  8. Gesellschaftliche Grenzen
  9. Gesetzliche Grenzen

Kategorien

Individual- und Sozialversicherungen

Die Unterscheidung von Individual- und Sozialversicherungen erfolgt nach folgenden Merkmalen. Individualversicherungen sind einfach ausgedrückt, die Versicherungen, die privat abgeschlossen werden. Sie heißen deshalb Individualversicherungen, da sie eigenverantwortlich vom Einzelnen zur Absicherung von Risiken abgeschlossen werden. Bei Sozialversicherungen handelt es sich um ein Versicherungssystem, an deren Teilhabe man verpflichtet ist. Die Träger sind dabei nicht private Unternehmen, sondern staatliche Einrichtungen. Aufgrund ihrer verpflichtenden Natur gilt das Solidarprinzip. Die Finanzierung läuft über Beiträge der Mitglieder. In einigen Fällen auch über Transfers von Steuergeldern.

Exkurs: Die fünf Säulen der Sozialversicherung

In Deutschland besteht die Sozialversicherung aus fünf Säulen:
  1. Gesetzliche Krankenversicherung: Sie dient dazu, die Gesundheit des Versicherten zu erhalten. Unter bestimmten Voraussetzungen kann man sich freiwillig in ihr versichern. Ihr Leistungsumfang wird im fünften Sozialgesetzbuch festgelegt. Der zu entrichtende Beitrag richtet sich nach dem Beitrag und nicht nach dem Gesundheitsrisiko des Einzelnen.
  2. Gesetzliche Pflegeversicherung: Sie dient dazu, das finanzielle Risiko bei Pflegebedürftigkeit abzusichern. Sie ist jedoch keine Vollversicherung, sondern liefert nur eine Grundsicherung. Die Beiträge werden zu paritätisch von Arbeitgeber und Arbeitnehmer getragen.
  3. Gesetzliche Rentenversicherung: Sie dient der finanziellen Versorgung im Alter. Die Finanzierung erfolgt durch ein Umlageverfahren. Das bedeutet, dass die aktuellen Beitragsempfänger durch die derzeitigen Beitragszahler getragen werden (Generationenvertrag). Es handelt sich also nicht um ein Kapitaldeckungssystem.
  4. Gesetzliche Arbeitslosenversicherung: Wer mehr als nur einer geringfügigen Beschäftigung nachgeht, ist in der gesetzlichen Arbeitslosenversicherung pflichtversichert. Es werden eine Vielzahl von Leistungen für die Versicherten erbracht, wie beispielsweise aktiver Arbeitsförderung, Wiedereingliederungsmaßnahmen und Fortbildungen, wobei die Zahlung von Arbeitslosengeld während einer Arbeitslosigkeit, die wohl bekannteste Leistung dieser Sparte ist. Die Ausgaben werden durch Beiträge der Arbeitnehmer und –geber, sowie durch Mittel des Bundes finanziert.
  5. Gesetzliche Unfallversicherung: Diese Versicherung schütz, ähnlich wie die gesetzliche Krankenversicherung, bereits ab dem Kindesalter (Unfälle in Kitas). Wem durch einen Unfall während der Arbeitszeit zum Invaliden wird, erhält Leistungen aus dieser Versicherung. Diese können zur Rehabilitation, aber auch zur finanziellen Entschädigung eingesetzt werden. Auch Berufskrankheiten sind abgedeckt. Die gesetzliche Unfallversicherung wird vom Arbeitnehmer gezahlt. Die Beitragshöhe richtet sich nach dem Unfallrisiko.

Personen- und Nichtpersonenversicherungen

Bei diesem Gruppierungsansatz wird unterschieden, ob eine Person oder eine Sache bzw. ein Vermögen abgesichert werden sollen. Zu den Personenversicherungen gehören beispielsweise, die Kranken-, Unfall- und Lebensversicherung, wobei Letztere mit 45% am gesamten Beitragsaufkommen der bedeutendste Zweig für die deutsche Versicherungswirtschaft ist. (vgl. Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft: Die deutsche Lebensversicherung in Zahlen 2010/2011, Berlin 2011, S.7). Zu den Nicht-Personenversicherungen gehören die Vermögens- und Sachversicherungen, wie zum Beispiel die Gebäudeversicherung, die Kaskoversicherung beim Auto oder die Hausratversicherung.

Schadens- und Summenversicherungen

Diese Kategorisierung orientiert sich an der Form der Versicherungsleistung. Bei Schadensversicherungen richtet sich die Versicherungssumme nach dem tatsächlichen Bedarf, d.h. die Auszahlung erfolgt in Höhe des entstandenen Schadens bis zur einer festgelegten Obergrenze (Beispiel: Haftpflichtversicherung mit Schadensdeckung bis 50 Millionen) . Bei der Summenversicherung verpflichtet sich die Assekuranz genau die mit dem Versicherungsnehmer vereinbarte Versicherungssumme auszuzahlen. Bei der privaten Unfallversicherung wäre das zum Beispiel die garantierte Invalidiätsleistung. Auch die Risikolebensversicherung gehört zu den Summenversicherungen.

Exkurs und Übung: Risikolebensversicherungen

In Punkt 1 haben wir bereits die Unterscheidung zwischen Individualversicherungen und Sozialversicherungen kennengelernt. Da eine Risikolebensversicherung nur privat abgeschlossen werden kann, ist sie den Individualversicherungen zuzuordnen. Eine Risikolebensversicherung dient der finanziellen Absicherung von (Familien-) Angehörigen und Geschäftspartnern. Stirbt die versicherte Person während der Laufzeit, erhalten die im Vertrag festgehaltenen Begünstigten die vereinbarte Versicherungssumme. Diese Form der Absicherung ist daher nötig, da Familien in vielen Fällen nur über einen Hauptverdiener verfügen. Bricht dieses Einkommen durch einen unerwarteten Todesfall weg, geraten viele Familien in Bedrängnis und können ihren Lebensstandard nicht halten.
Aufgabe 1
Beantworten Sie durch eine Internet-Recherche folgende Fragen:
  1. Wen oder was kann man mit einer Risikolebensversicherung absichern?
  2. Wie hoch sollte die Versicherungssumme einer Risikolebensversicherung sein?
  3. Welche Laufzeit sollte für eine Risikolebensversicherung gewählt werden?
Aufgabe 2
Verschiedene Risikolebensversicherungsvergleiche zeigen, dass die Anbieter mit einer großen Preisspanne kalkulieren! Ermitteln Sie mithilfe eines online verfügbaren Rechners, wie hoch die Differenz zwischen teuersten und günstigen Anbieter für einen 35-jährigen Versicherungsnehmer (keine Vorerkrankungen, leichte körperliche Tätigkeit) ist!

Aktiven- und Passivenversicherungen

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Nach Art des versicherten Risikos

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Lebens- und Nichtlebensversicherung

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Politik

In Deutschland kann ein Versicherungsunternehmen nur in zwei Rechtsformen existieren: Entweder als Aktiengesellschaft (Beispiel: Allianz SE) oder als Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit (auch: VVaG, Beispiel: Hanse Merkur). Dabei unterliegen die Versicherungen aufgrund ihrer zentralen Bedeutung für die Wirtschaft eines Landes unter besonderer staatlicher Kontrolle. Beispielsweise besteht in Deutschland die Institution des Versicherungsombudsmannes, einer unabhängigen Schlichtungsstelle zwischen Verbraucher und Versicherungsunternehmen. Die Interessenvertretung der Versicherungswirtschaft in Deutschland wird durch den Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V. wahrgenommen. Die Interessen der Verbraucher werden durch den Bund der Versicherten e.V. vertreten.

Markt

Insgesamt gab es 2013 in Deutschland 418 Millionen Versicherungsverträge für die 192 Milliarden Euro an Versicherungsbeiträgen gezahlt wurden. In diesem Zeitraum zahlten die Gesellschaften 208 Milliarden Euro an Versicherungsleistungen aus.

Vertrieb

Wer sich für eine Versicherung interessiert, dem stehen mehrere Wege zum Abschluss offen. Grundsätzlich kann man fünf Kanäle unterscheiden:
  1. Einfirmenvermittler
  2. Mehrfirmenvermittler
  3. Banken
  4. Direktvertrieb
  5. Sonstige, wie Reisebüros und Autohäuser
Es ist anzunehmen, dass in den kommenden Jahren der Direktvertrieb eine immer größere Rolle spielen wird. Besonders das Internet wird hier eine wichtige Stellung einnehmen.

Kritik

Die Versicherungswirtschaft steht immer wieder in der Kritik. Breite mediale Aufmerksamkeit wurde beispielsweise durch die Titelgeschichte „Verunsichert“ von DER SPIEGEL in diesem Jahr erzeugt. In dem Beitrag wurde die Zahlungsmoral der Versicherer kritisiert, die sich in vielen Fällen vor hohen Schadenssummen drücken. Dies werde oft durch einen Zermürbungstaktik versucht. Derjenige, der Anspruch auf eine Versicherungsleistung hätte, muss sich diese erst einklagen. Die Versicherungsgesellschaften lägen hier klar im Vorteil, da sie „den längeren Atem“ haben, sprich mit mehr Kapital ausgestattet sind um sich durch die Instanzen zu klagen. Auch die Entlohnung beim Vertrieb wird oft kritisiert. So werden gezahlte Prämien in vielen Fällen nicht offen gelegt. Für einen Versicherungsmakler besteht zumindest theoretisch der Anreiz seinem Kunden nicht das beste Produkt zu vermitteln, sondern das wofür er die meiste Provision erhält.
Quellen und weiterführende Verweise:
  1. Nguyen, T. & Romeike, F. 2013, Versicherungswirtschaftslehre, Springer Gabler, Wiesbaden
  2. Wikipedia: Versicherung (Kollektiv)
  3. DER SPIEGEL 30/2015 „Verunsichert“